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Ohne Ritus bist Du im Nichts

Reinhard Bartha
Reinhard Bartha, Pfarrer in Lohmar-Wahlscheid: „Eine Beziehung zu Gott kann nur existieren, wenn man sie pflegt und sich ihrer vergewissert.“ BILD: ANDREAS HELFER

Klingeln Weihnachten wieder nur die Kassen und die Seelen bleiben stumm? Der Frage, wie es kurz vor Weihnachten um Kirche und Gesellschaft bestellt ist, geht eine Interviewreihe mit Geistlichen aus der Region nach. Mit Reinhard Bartha, evangelischer Pfarrer in Lohmar-Wahlscheid und stellvertretender Superintendent im Kirchenkreis an Sieg und Rhein, sprach Andreas Helfer.

RHEIN-SIEG-ANZEIGER: Stehen Sie Heiligabend vor einer rappelvollen Kirche und wünschen sich, das wäre immer so?

BARTHA: Auch wenn die Kirche nicht voll ist, sehe ich das nicht mit Wehmut. Ich denke, das ist eine falsche Haltung. Ich freue mich, dass Menschen da sind, die etwas suchen, und dass ich dieses Suchen in Worte fassen kann. Das ist ja die Aufgabe, nicht Schelte und Zeigefingerpredigt. Die Dinge haben sich verändert. Der moderne Mensch hat viele Alternativen. Aber was er sucht, kann ihm im Gottesdienst gegeben werden.

Kollegen klagen allerdings oft über mangelnde Spiritualität in der deut schen Gesellschaft.

BARTHA: Ich selbst bin antiklerikal erzogen und areligiös aufgewachsen. Ich habe immer verstanden, dass der Glaube eine Lebenshilfe ist, nicht aber, wenn man ihn auf´s Auge gedrückt bekommt. Eine Beziehung zu Gott kann nur existieren, wenn man sie pflegt und sich ihrer vergewissert. Wenn Mensch und Gott einander fremd sind, kann auch ich als Pfarrer nur schlecht diese Beziehung zwischen Gott und Mensch herstellen. Ob die Angebote der Kirche, die Gottesdienste, dabei das Richtige sind - da bin sehr vorsichtig. Ich hoffe es, und ich glaube, dass unser Ruf zu schlecht ist, gemessen an dem, was wir anbieten.

Viele Leute kommen gar nicht erst auf die Idee, überhaupt irgendetwas in der Kirche zu suchen. Ist die Gesellschaft das Problem?

BARTHA: Menschen schauen sich verschiedene Religionen und Philosophien an und gehen verstärkt an den Angeboten des christlichen Glaubens vorbei. Dabei gehören Dinge wie Mystik oder Spiritualität sehr wohl zu unseren Grundangeboten. Wir haben unglaublich gute Bilder und Traditionen. Aber christlicher Glaube wird vor einer Negativfolie gesehen, dafür gibt es auch Gründe, für die sich die Kirche an die Nase packen muss. Aber diese Negativwahrnehmung von Kirche, auch aus der Geschichtswahrnehmung mit Missionskriegen, Hexenverfolgung und all diesen Zerrformen des Christentums, ist nur eine Seite der Medaille. Die andere, wie die Stadt der Barmherzigkeit eines Basilius des Großen oder das Franziskanertum zum Beispiel, wird ausgeblendet. Menschen nehmen oft gar nicht wahr, was Kirche alles leistet - mit der Arbeit in Altenheimen, Kindergärten, Krankenhäusern, Behinderteneinrichtungen oder der Beratung für Langzeitarbeitslose.

Das Spirituelle lässt nach und die Kirche wird zum Dienstleistungsunternehmen?

BARTHA: Es ist typisch protestantische Denkweise, dass wir eine zweifache Verkündigung haben: das Wort und die Tat. Wenn man predigt, man müsse sich des schwachen Menschen annehmen, dann muss sich das auch materialisieren. Möglicherweise belichten wir den spirituellen Teil aber unter. Ich habe sehr enge Kontakte zu der russisch-orthodoxen Kirche Weißrusslands, die die Liturgie sehr betont. Eigentlich kommen genau da der Charme und die Kraft her.

Hat es die katholische Kirche - mit ihrem ungeheuer populären Papst - leichter, das Herz anzusprechen?

BARTHA: Da sehe ich tatsächlich ein Problem. Das, was im Kopf ist, kann man leichter wegschalten, was im Herz ist, bleibt. Der Verstandsglaube kann aber auch positiv sein. Er ist weniger manipulativ. Es ist möglich, dass wir im Protestantismus tatsächlich eine Verkopfung haben. Es gibt aber auch Neuansätze, wirklich innerlich zu feiern. Das hat die Kirche schon verändert, wie auch die Osternächte etwa. Manchmal beneide ich die orthodoxen und katholischen Christen, aber ich liebe meinen Protestantismus.

Wie haben Sie selbst gesucht und gefunden?

BARTHA: Ich hätte vielleicht auch Sozialarbeiter werden können oder Politiker, aber da hätte mir etwas gefehlt. Mit 18 oder 19 Jahren bin ich zu meinem Glauben gekommen, und habe mich entschieden, Theologie zu studieren. In der Kirche habe ich Tragfähigkeit gefunden, auch in schwierigen Situationen. Als junger Mann habe ich meine erste Frau bei einem Verkehrsunfall verloren. Meine damalige Ruppichterother Gemeinde hat für mich gesammelt, als ich als Student mit einem sieben Monate alten Säugling alleine dastand. Menschen haben an die Tür geklopft, um mich zu trösten, der Präses hat mir einen fantastischen Brief geschrieben, ein Theologieprofessor bot mit ein kleines Sparbuch an. So habe ich diese Kirche erlebt und lieben gelernt. Wir Protestanten zerfleischen uns gerne in Institutionskritik und vergessen all zu oft, was uns unsere Kirche doch alles ist.

Hatten Ihre Eltern keine Einwände gegen ihre Berufswahl?

BARTHA: Mein Vater hätte nichts dagegen gehabt, wenn ich Ingenieur oder Arzt geworden wäre. „Wenn Du Theologie studierst, kriegst Du kein Geld mehr“, sagte er. Vom Staat bekam ich auch nichts, aber ich habe das Studium in Regelstudienzeit geschafft, da bin ich stolz drauf. Wenn der Mensch etwas will und von etwas jeck ist, dann schafft er das auch. Oder wie Wolf Biermann so schön sagt: „Was verboten ist, macht uns gerade scharf.“

Wo sehen Sie die Aufgaben der Zukunft?

BARTHA: Wir müssen den Glauben wieder elementarisieren, Spiritualität im Alltag entdecken. Auch bestimmte Riten, die wir aufgegeben haben - etwa zum Abschied, wenn die Kinder aus dem Haus gehen. Es gibt Dinge im Leben, die kann man nicht in Worte fassen. Riten können Lebenshilfe sein, auch bei Trauer. Aber wenn der Mensch nach Trost schreit und Du hast kein Wort, keinen Ritus - dann bist Du im Nichts, das ist furchtbar. Ein guter Ritus nimmt einem die Sprachlosigkeit, plötzlich kann man ein Hand auflegen, die Hände eines verstorbenen falten oder eine Kerze anzünden. Und das tut gut.

(KStA)

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