Ohne Ritus bist Du im Nichts
erstellt 29.11.03
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Reinhard Bartha, Pfarrer in Lohmar-Wahlscheid: „Eine
Beziehung zu Gott kann nur existieren, wenn man sie
pflegt und sich ihrer vergewissert.“ BILD: ANDREAS
HELFER |
Klingeln Weihnachten wieder
nur die Kassen und die Seelen bleiben stumm? Der Frage,
wie es kurz vor Weihnachten um Kirche und Gesellschaft
bestellt ist, geht eine Interviewreihe mit Geistlichen
aus der Region nach. Mit Reinhard Bartha, evangelischer
Pfarrer in Lohmar-Wahlscheid und stellvertretender
Superintendent im Kirchenkreis an Sieg und Rhein, sprach
Andreas Helfer.
RHEIN-SIEG-ANZEIGER: Stehen Sie
Heiligabend vor einer rappelvollen Kirche und wünschen
sich, das wäre immer so?
BARTHA: Auch wenn die Kirche nicht voll ist, sehe ich
das nicht mit Wehmut. Ich denke, das ist eine falsche
Haltung. Ich freue mich, dass Menschen da sind, die
etwas suchen, und dass ich dieses Suchen in Worte fassen
kann. Das ist ja die Aufgabe, nicht Schelte und
Zeigefingerpredigt. Die Dinge haben sich verändert. Der
moderne Mensch hat viele Alternativen. Aber was er
sucht, kann ihm im Gottesdienst gegeben werden.
Kollegen klagen allerdings oft über mangelnde
Spiritualität in der deut schen Gesellschaft.
BARTHA: Ich selbst bin antiklerikal erzogen und
areligiös aufgewachsen. Ich habe immer verstanden, dass
der Glaube eine Lebenshilfe ist, nicht aber, wenn man
ihn auf´s Auge gedrückt bekommt. Eine Beziehung zu Gott
kann nur existieren, wenn man sie pflegt und sich ihrer
vergewissert. Wenn Mensch und Gott einander fremd sind,
kann auch ich als Pfarrer nur schlecht diese Beziehung
zwischen Gott und Mensch herstellen. Ob die Angebote der
Kirche, die Gottesdienste, dabei das Richtige sind - da
bin sehr vorsichtig. Ich hoffe es, und ich glaube, dass
unser Ruf zu schlecht ist, gemessen an dem, was wir
anbieten.
Viele Leute kommen gar nicht erst auf
die Idee, überhaupt irgendetwas in der Kirche zu suchen.
Ist die Gesellschaft das Problem?
BARTHA: Menschen schauen sich verschiedene Religionen
und Philosophien an und gehen verstärkt an den Angeboten
des christlichen Glaubens vorbei. Dabei gehören Dinge
wie Mystik oder Spiritualität sehr wohl zu unseren
Grundangeboten. Wir haben unglaublich gute Bilder und
Traditionen. Aber christlicher Glaube wird vor einer
Negativfolie gesehen, dafür gibt es auch Gründe, für die
sich die Kirche an die Nase packen muss. Aber diese
Negativwahrnehmung von Kirche, auch aus der
Geschichtswahrnehmung mit Missionskriegen,
Hexenverfolgung und all diesen Zerrformen des
Christentums, ist nur eine Seite der Medaille. Die
andere, wie die Stadt der Barmherzigkeit eines Basilius
des Großen oder das Franziskanertum zum Beispiel, wird
ausgeblendet. Menschen nehmen oft gar nicht wahr, was
Kirche alles leistet - mit der Arbeit in Altenheimen,
Kindergärten, Krankenhäusern, Behinderteneinrichtungen
oder der Beratung für Langzeitarbeitslose.
Das Spirituelle lässt nach und die
Kirche wird zum Dienstleistungsunternehmen?
BARTHA: Es ist typisch protestantische Denkweise,
dass wir eine zweifache Verkündigung haben: das Wort und
die Tat. Wenn man predigt, man müsse sich des schwachen
Menschen annehmen, dann muss sich das auch
materialisieren. Möglicherweise belichten wir den
spirituellen Teil aber unter. Ich habe sehr enge
Kontakte zu der russisch-orthodoxen Kirche
Weißrusslands, die die Liturgie sehr betont. Eigentlich
kommen genau da der Charme und die Kraft her.
Hat es die katholische Kirche - mit
ihrem ungeheuer populären Papst - leichter, das Herz
anzusprechen?
BARTHA: Da sehe ich tatsächlich ein Problem. Das, was
im Kopf ist, kann man leichter wegschalten, was im Herz
ist, bleibt. Der Verstandsglaube kann aber auch positiv
sein. Er ist weniger manipulativ. Es ist möglich, dass
wir im Protestantismus tatsächlich eine Verkopfung
haben. Es gibt aber auch Neuansätze, wirklich innerlich
zu feiern. Das hat die Kirche schon verändert, wie auch
die Osternächte etwa. Manchmal beneide ich die
orthodoxen und katholischen Christen, aber ich liebe
meinen Protestantismus.
Wie haben Sie selbst gesucht und
gefunden?
BARTHA: Ich hätte vielleicht auch Sozialarbeiter
werden können oder Politiker, aber da hätte mir etwas
gefehlt. Mit 18 oder 19 Jahren bin ich zu meinem Glauben
gekommen, und habe mich entschieden, Theologie zu
studieren. In der Kirche habe ich Tragfähigkeit
gefunden, auch in schwierigen Situationen. Als junger
Mann habe ich meine erste Frau bei einem Verkehrsunfall
verloren. Meine damalige Ruppichterother Gemeinde hat
für mich gesammelt, als ich als Student mit einem sieben
Monate alten Säugling alleine dastand. Menschen haben an
die Tür geklopft, um mich zu trösten, der Präses hat mir
einen fantastischen Brief geschrieben, ein
Theologieprofessor bot mit ein kleines Sparbuch an. So
habe ich diese Kirche erlebt und lieben gelernt. Wir
Protestanten zerfleischen uns gerne in
Institutionskritik und vergessen all zu oft, was uns
unsere Kirche doch alles ist.
Hatten Ihre Eltern keine Einwände gegen
ihre Berufswahl?
BARTHA: Mein Vater hätte nichts dagegen gehabt, wenn
ich Ingenieur oder Arzt geworden wäre. „Wenn Du
Theologie studierst, kriegst Du kein Geld mehr“, sagte
er. Vom Staat bekam ich auch nichts, aber ich habe das
Studium in Regelstudienzeit geschafft, da bin ich stolz
drauf. Wenn der Mensch etwas will und von etwas jeck
ist, dann schafft er das auch. Oder wie Wolf Biermann so
schön sagt: „Was verboten ist, macht uns gerade scharf.“
Wo sehen Sie die Aufgaben der Zukunft?
BARTHA: Wir müssen den Glauben wieder
elementarisieren, Spiritualität im Alltag entdecken.
Auch bestimmte Riten, die wir aufgegeben haben - etwa
zum Abschied, wenn die Kinder aus dem Haus gehen. Es
gibt Dinge im Leben, die kann man nicht in Worte fassen.
Riten können Lebenshilfe sein, auch bei Trauer. Aber
wenn der Mensch nach Trost schreit und Du hast kein
Wort, keinen Ritus - dann bist Du im Nichts, das ist
furchtbar. Ein guter Ritus nimmt einem die
Sprachlosigkeit, plötzlich kann man ein Hand auflegen,
die Hände eines verstorbenen falten oder eine Kerze
anzünden. Und das tut gut.
(KStA)
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